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Gegen das Vergessen: Mit- und Gegeneinander in der NS – Zeit

Trotz der vielen von der Gesellschaft ergriffenen Initiativen zur Aufklärung über die NS-Zeit gibt es leider noch heute viele Wissenslücken bezüglich dieser Zeit. Doch diesem Problem wirken die beiden Lehrerinnen, Frau Cleff und Frau Scherer-Ziegler, mit ihrem Projekt „Gegen das Vergessen: Mit- und Gegeneinander in der NS – Zeit“ entgegen. Doch das Projekt stellt dabei keineswegs einen trocknen Geschichtskurs dar, indem lediglich Buchseiten vorgelesen werden. Im Gegenteil, die Mitglieder des Projektes werden aktiv und begeben sich gemeinsam mit den Lehrerinnen in die Hagener Innenstadt. Das Ziel des Projektes ist es, herauszufinden wie die Tage der Menschen damals aussahen, um die verheerende Geschichte besser nachvollziehen zu können. Dazu treffen und unterhalten sie sich mit Zweitzeugen und werden so selber zu welchen. Chiara

„Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“

„Wie sieht denn ein normaler Tag bei Euch aus? Was macht Ihr da so?“, fragte Romina Leiding von ZWEITZEUGEN e.V. am Dienstag, den 21.6.2022 die Schüler und Schülerinnen der Projektwochen-Gruppe „Mit- und Gegeneinander in der NS-Zeit“. Eine überraschende Frage. Was hatte sie denn mit unserem eigentlichen Thema zu tun? Die Auflösung sollte später folgen. Doch zuerst wurde die Tafel vollgeschrieben: mit dem Bus in die Schule fahren, mit dem Hund Gassi gehen, im Verein Fußball spielen, Klavier spielen, WhatsApp-Nachrichten an Freunde verschicken, Filme gucken, Mittagessen… Dinge, die wir alle ganz selbstverständlich machen. Doch sind sie tatsächlich so selbstverständlich? Frau  Leiding verteilte unscheinbare Karten – mit brisantem Inhalt. Auf den Karten waren Gesetze notiert, die das Leben der jüdischen Menschen in Deutschland in der NS-Zeit stark einschränkten. Nach und nach verschwand unser „normaler Tag“ von der Tafel. Immer mehr Dinge mussten wir streichen: Sie dürfen keine Schokolade kaufen! Sie dürfen keine Haustiere mehr halten, in keinem Verein mehr Mitglied sein, keine staatlichen Schulen mehr besuchen, nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Über 2000 solcher Gesetze gab es. Von unserem „normalen Tag“ an der Tafel blieb nichts übrig. Massive Einschränkungen, die das Leben der jüdischen Menschen in Deutschland fast unmöglich machten. Das war unser Einstieg ins Thema.

Frau Leiding war als Vertreterin des Vereins ZWEITZEUGEN e.V. zu uns ans AD gekommen. Dieser Verein gibt anschaulich die Lebensgeschichten von Holocaust-Überlebenden weiter und setzt sich so für Akzeptanz, gesellschaftliche Verantwortung und gegen Rassismus und Antisemitismus ein. Die Zeit spielt gegen uns, wenn wir uns noch persönlich mit Holocaust-Überlebenden austauschen wollen. Viele sind schon im hohen Alter verstorben, eine wenige leben noch, doch sind sie oft zu alt oder zu schwach, um ihre Geschichte weiterhin vor Kindern und Jugendlichen zu erzählen. Hier setzt der Verein ZWEITZEUGEN an. Die Mitarbeitenden von ZWEITZEUGEN haben noch mit den Überlebenden gesprochen und ihre Geschichte verinnerlicht. Sie sind durch die Geschichten der Zeitzeugen zu Zweitzeugen geworden. Und so sind auch die Teilnehmenden unserer Projektgruppe zu Zweitzeugen geworden, da wir an diesem Vormittag insgesamt vier Überlebende kennengelernt haben. 

Frau Leiding erzählte uns die (Über-)Lebensgeschichte von Erna de Vries, die am 21.10.1923 in Kaiserslautern zur Welt kam und zusammen mit ihrer Mutter mit 19 Jahren in das Konzentrationslager nach Auschwitz kam. Sie überlebte das Grauen wie durch ein Wunder. Ihre Mutter nicht. Die letzten Worte, die Frau de Vries von ihrer Mutter mit auf den Weg bekam, waren folgende: „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“ Frau Leiding erzählte Frau de Vries´Geschichte sehr anschaulich und eindrücklich, unterlegt mit Fotos und einigen Audioeinspielungen von Interviews mit Frau de Vries. Nachdem sie nach ca. 35 Minuten am Ende von Frau de Vries` Leben angekommen war (sie verstarb 2021), herrschte bedrücktes Schweigen im Raum.

Eine solche Überlebensgeschichte ist nicht leicht zu verdauen. Ein Austausch über das Gehörte schloss sich an. Und dann ging es an die drei weiteren Lebensgeschichten. Zur Auswahl standen die Überlebensgeschichten von Leon Weintraub, Michaela Vidláková und Rolf Abrahamsohn. Alle Teilnehmenden des Workshops suchten sich eine Geschichte aus und durften sie anhand von kleinen Heftchen, die Frau Leiding mitgebracht hatte, kennenlernen. Und selbst zu Zweitzeugen werden, da im Anschluss die Lebensgeschichten in kleinen Gruppen durch die Teilnehmenden erzählt wurden.

Vier Geschichten, vier Lebensgeschichten, vier Geschichten voller Angst, Verzweiflung, Tod – aber auch voller Hoffnung. 

Alle Gedanken, die einem an diesem Morgen durch den Kopf gegangen waren, durften die Teilnehmenden am Ende des Vormittags zu Papier bringen, in Form eines Briefes an einen/eine Überlebende/n oder deren Angehörige, wenn diese Person schon verstorben war. Doch zuerst stand die Frage in Raum, an wen man nun schreiben sollte. Vier Geschichten hatten wir heute gehört. Und nach der Wahl dann die Fragen „Was schreibe ich? Wie fange ich an?“. Eine halbe Stunde lang war es still im Raum und viele sehr persönliche Gedanken flossen durch die Stifte aufs Papier. Der Verein ZWEITZEUGEN wird diese Briefe an die Adressaten weiterleiten. All diese Briefe werden gelesen werden. Und in einem Film über das Überbringen der Briefe, den Frau Leiding uns zeigte, konnten wir so manche Träne der Rührung sehen. Der Workshop bleibt nicht in der Theorie stecken, sondern strahlt auf Menschen aus.

Es war ein sehr emotionaler und aufwühlender Vormittag in unserer Projektgruppe. Doch die Aussage am Ende war klar: Wir dürfen so etwas nie wieder zulassen! Wir alle tragen die Verantwortung für eine Zukunkt voller Akzeptanz und Frieden. 

Vielen Dank an Frau Leiding und den Verein ZWEITZEUGEN!

 

(Text: Madrisa Cleff, Foto: Lydia Scherer-Ziegler)

auf dem Foto links Romina Leiding von ZWEITZEUGEN e.V.